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Anmerkung:
Weltweit nimmt die Inzidenz der Pneumokokkenerkrankungen stetig zu. Von der Gesamtzahl der
der in der Schweiz registrierten Fälle von invasiven Infekten gehen aber nur 10 bis 15 Prozent
zulasten des Kindesalters. Dennoch hat auch bei den Kindern die Inzidenz in den Neunzigerjahren, nicht
nur in der Schweiz zugenommen (zB Finnland, Schweden, Dänemark). Mag sein, dass ein Teil dieser Zunahme
auf die, im medizinischen System verbreitete Unsitte des voreiligen Antibiotikaeinsatzes
zurückzuführen ist, was zur Zunahme der Antibiotikaresistenzen der Pneumokokken beiträgt. Diesbezüglich
unterscheiden sich die 70er- und 80er- aber wohl kaum von den 90er-Jahren. Die in unserem Zusammenhang
epidemiologisch wesentlichste Zäsur war die Einführung der generellen Säuglingsimpfung gegen
Hämophilus-infl.-B, welche innerhalb von 5 Jahren die Gesamtzahl an invasiven bakteriellen Infekten bei Kindern praktisch
halbierte. Die Frage stell sich nun, ob dieser eindrückliche Erfolg auch nachhaltig ist, oder ob das epidemiologische
System längerfristig mit einer Verschiebung des Erregerspektrums reagiert.
Bei der Überprüfung der epidemiologischen Wirksamkeit des neuen 7-valenten Konjugatimpfstoffes gegen Pneumokokken
(USA) fiel schon auf, dass nun Serotypen, welche nicht abgedeckt waren, häufiger als zuvor zu Infekten führten
(Übersicht: Pelton S, Klein O. The Future of Pneumococcal Conjugate Vaccines. Pediatrics 2002;110:805-814).
Neue Erkenntnisse bestätigen die Befürchtung, dass die Verschiebung auch invasive
Infekte IPD betrifft (USA 2005:
Byington C L et al. Temporal trends of invasive pneumococcal disease among children in the intermountain west: emergence of
nonvaccine serogroups. Clin Infect Dis 2005 Jul 1;41(1):21-9 oder
Übersicht der CDC im MMWR).
Ein ähnliches Phänomen über die Grenze eines bestimmten Bakterientyps hinaus ist plausibel.
(parallele Beobachtungen im Bereich Masernelimination).
Die Vorliegenden Beobachtungen und Zahlen haben den Wert eines Hinweises: der primäre Effekt einer Massnahme,
wie die Durchimpfung ganzer Jahrgänge gegen HiB (oder auch gegen Masern), ist nicht ohne weiteres identisch ist
mit dem längerfristigen volksgesundheitlichen Gesamt-Effekt bzw Gesamt-Nutzen dieser Eingriffe.
Im Falle der Pneumokokken ist in der Schweiz 2001 Prevenar® für Risikokinder zugelassen, ab 2005 für alle
Kleinkinder "ergänzend" empfohlen worden. Dieser 7-fach-Impfstoff deckt nach BAG etwa zwei Drittel der relevanten Serotypen
beim Kind ab. Knapp die Hälfte der invasiven Kinder-Infekte betreffen das Alter 0-2 und unter den 0-2-jährigen Erkrankten
weisen bis zu 50% ein erhebliches, begleitendes chronisches Leiden auf (wie Immunstörung, Lungenkrankheit, Diabetes etc.).
Diese Risikokinder durch frühzeitige Impfung individuell zu schützen, ist einleuchtend - pro Jahr werden damit
vermutlich 10 bis 15 invasive Erkrankungen vermieden, welche bei diesen Kindern ja besonders häufig bleibende Spuren hinterlassen
würden. Inzwischen (2009) sind 3 Geburtsjahrgänge zu über 50% durchgeimpft, womit schon heute eine markante zusätzliche
Reduktion der invasiven Infekte erwartet werden darf.
In Bezug auf unsere Frage nach dem längerfristigen Erregershift bzw Problemshift wird die Datenlage mit zunehmender Ausweitung
der Impfindikation aber unübersichtlicher. Man wird aufgrund der Anzahl verimpfter Dosen vorausschauende Schätzungen
anstellen müssen, welche mit zusätzlicher Unsicherheit behaftet sein werden. Die epidemiologische Wirksamkeit des für
US-amerikanische Verhältnisse entwickelten 7-fach-Impfstoffes ist unter europäischen Bedingungen (anderes Serotypen-Muster,
geringere Inzidenz invasiver Pneumokookkken-Infekte) nicht geprüft worden: die skeptische Beurteilung des
Arzneitelegramms in Berlin über das deutsche Pneumokokken-Impfprogramm
dürfte auch für die Schweiz anwendbar sein.
Der Übergang von der gezielten, risikogerechten Impfung zur generellen Durchimpfung ganzer Geburtsjahrgänge ist
unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ein Schritt ins Ungewisse.
2.10.2003, aktualisiert 12. Juni 2010, Peter Klein
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