www.impfo.ch/PROBLEMASPEKT.htm
Die Inzidenzen von invasiven Infektionen des Kindesalters in der Schweiz seit Ende 80-er Jahre bis 2006 durch Hämophilus-influenzae-B einerseits und durch Pneumokokkus andrerseits scheinen entgegengesetzt zu verlaufen: gibt es einen Zusammenhang zwischen den beiden unterschiedlichen Trends?

aktualisiert 12. Juni 2010
Übersicht über die Pneumokokken-Erkrankung und -Impfung hier

  Pneumokokken

Die Inzidenz der invasiven Infektionen im Kindesalter durch Hämophilus-influenzae-B (die jährliche Anzahl neuer Fälle pro 100'000 Kinder) ist nach Einführung der HiB-Säuglingsimpfung 1991 innert 5 Jahren drastisch abgesunken auf weniger als 10%. Demgegenüber scheinen die Inzidenzen der invasiven Pneumokokken-Infektionen bei Kindern seit Mitte der 90'er Jahre allmählich anzusteigen: mehr als 3-fach, Inzidenz zZt um 9 pro 100'000 Kinder.
(2002) 2003 bis 2006 wurden je 1000 - 1500 Hochrisiko-Säuglinge (Risiko Grössenordnung 1-6/100 Kinderjahre) mit dem neuen 7-valenten Konjugatimpgstoff gegen Pneumokokken geimpft (Prevenar®, Angabe des Importeurs, Schätzung BAG), womit man ab 2002 erwarten kann, dass die entsprechende Inzidenz durch diese Impfung merklich verringert wird (sie deckt etwa zwei Drittel der Serotypen beim Kind ab; BAG-Bulletin 2004 Nr. 52).
Seit November 2005 (BAG-Bulletin 2005 Nr. 45)wird zudem Prevenar® zu den sogenannten "ergänzenden Impfungen" gezählt, d.h. vom BAG im Prinzip für alle Säuglinge und Kleinkinder als empfehlenswert deklariert. Seit August 2006 wird für diese Kinder die Impfung auch von den Krankenkassen bezahlt. Die Durchimpfung der Säuglinge der Jahrgänge 2006-09 ist entsprechend auf über 70% angelangt (Schätzung BAG).
Will man das Phänomen der Erregerverschiebung untersuchen, muss man die Zahl der durch die Säuglingsimpfungen vermiedenen invasiven Pneumokokkenerkrankungen abschätzen und gedanklich zu den tatsächlich beobachteten Krankheitsfällen im Kindesalter hinzuzählen. Die Hochrisikokinder werden bereits seit 6 Jahren geimpft, weshalb man davon ausgehen kann, dass die beobachteten Krankheitszahlen der letzten 4-5 Jahre dadurch schon merklich reduziert worden sind. Da nun zusätzlich zu den Risikokindern die Jahrgänge 2006/07/08/09 zu 50 bis 80 Prozent im Alter 2-18 Monate mit Prevenar® "ergänzend" geimpft worden sind, darf man ab 2007 zusätzlich eine markante Reduktion der Inzidenz erwarten. Im ersten Lebensjahr ist die Inzidenz 2007 erstmals unter 20/100'000 gesunken, 2008 allerdings wieder 32/100'000. (zwischen 2001 und 06 schwankte sie zwischen 25 und 40), die Gesamtinzidenz stagniert aber auf hohem Niveau.
 
Bildlich stellen sich die Verhältnisse folgendermassen dar:

HiB/Pneumok-invasiv: Inzidenz CH

Invasive Pneumokokkenerkrankungen bei Kindern <16 Jahren: aktuell ca 1.3 Mio. Kinder
Fallzahlen nach BAG-Bulletin (BB)

ca. 45 % der Fälle Alter 0 - 24 Mt.; ca. 70 % Alter 0 - 60 Mt.
 
1985-94: 2,7/100'000 (ca 35 Fälle/Jahr) retrospektive Studie
- Schäzung: (Venetz I, Schopfer K, Mühlemann K.; Pediatric
     invasive pneumococcal disease in Switzerland, 1985-94.
     Int J Epidemiology 1998, 27:1101-04)
- systematische Überwachung
     Labors: ab März 1999 / Ärzte: ab März 2001
1998/99: 7,5/100'000 (99/Jahr, BB 15.3.00)
2000: 5.7/100'000 (76/Jahr, BB 11.6.01)
2001: 8,4/100'000 (110/Jahr, BB 29.7.02 )
- Zulassung 7-valenter Impfstoff zur Impfung von
      Risikosäuglingen (BB 16.7.01, 1000-1500/Jahr)
2002: 6,5/100'000 (84/Jahr, BB 26.5.03)
2003: 8,6/100'000 (108/Jahr, BB 20.12.04)
2004: 9,9/100'000 (127/Jahr, BB 3.7.06)
2005: 8,1/100'000 (103/Jahr, BB 19.3.07)
- Empfehlung ergänzende Impfung für alle Kleinkinder
      (BB 14.11.05, potentiell weit über einen Jahrgang/Jahr)
2006: 9,0/100'000 (114-/Jahr, Mitt. BAG 21.3.07)
2007: 9,2/100'000 (119/Jahr, Mitt. BAG 30.5.07)
2008: 6.7/100'000 (88/Jahr)   2009: 7.3/100'000 (96/Jahr)

à propos:   im Verkehr getötete oder schwerverletzte Kinder (0-14J) in der Schweiz: 324
(davon 41 auf dem Fussgängerstreifen) ; Inzidenz 2007  28 pro 100'000 Kinder www.bfu.ch)
 

Anmerkung:
 
Weltweit nimmt die Inzidenz der Pneumokokkenerkrankungen stetig zu. Von der Gesamtzahl der der in der Schweiz registrierten Fälle von invasiven Infekten gehen aber nur 10 bis 15 Prozent zulasten des Kindesalters. Dennoch hat auch bei den Kindern die Inzidenz in den Neunzigerjahren, nicht nur in der Schweiz zugenommen (zB Finnland, Schweden, Dänemark). Mag sein, dass ein Teil dieser Zunahme auf die, im medizinischen System verbreitete Unsitte des voreiligen Antibiotikaeinsatzes zurückzuführen ist, was zur Zunahme der Antibiotikaresistenzen der Pneumokokken beiträgt. Diesbezüglich unterscheiden sich die 70er- und 80er- aber wohl kaum von den 90er-Jahren. Die in unserem Zusammenhang epidemiologisch wesentlichste Zäsur war die Einführung der generellen Säuglingsimpfung gegen Hämophilus-infl.-B, welche innerhalb von 5 Jahren die Gesamtzahl an invasiven bakteriellen Infekten bei Kindern praktisch halbierte. Die Frage stell sich nun, ob dieser eindrückliche Erfolg auch nachhaltig ist, oder ob das epidemiologische System längerfristig mit einer Verschiebung des Erregerspektrums reagiert.
Bei der Überprüfung der epidemiologischen Wirksamkeit des neuen 7-valenten Konjugatimpfstoffes gegen Pneumokokken (USA) fiel schon auf, dass nun Serotypen, welche nicht abgedeckt waren, häufiger als zuvor zu Infekten führten (Übersicht: Pelton S, Klein O. The Future of Pneumococcal Conjugate Vaccines. Pediatrics 2002;110:805-814). Neue Erkenntnisse bestätigen die Befürchtung, dass die Verschiebung auch invasive Infekte IPD betrifft (USA 2005: Byington C L et al. Temporal trends of invasive pneumococcal disease among children in the intermountain west: emergence of nonvaccine serogroups. Clin Infect Dis 2005 Jul 1;41(1):21-9 oder Übersicht der CDC im MMWR). Ein ähnliches Phänomen über die Grenze eines bestimmten Bakterientyps hinaus ist plausibel. (parallele Beobachtungen im Bereich Masernelimination).
Die Vorliegenden Beobachtungen und Zahlen haben den Wert eines Hinweises: der primäre Effekt einer Massnahme, wie die Durchimpfung ganzer Jahrgänge gegen HiB (oder auch gegen Masern), ist nicht ohne weiteres identisch ist mit dem längerfristigen volksgesundheitlichen Gesamt-Effekt bzw Gesamt-Nutzen dieser Eingriffe.

Im Falle der Pneumokokken ist in der Schweiz 2001 Prevenar® für Risikokinder zugelassen, ab 2005 für alle Kleinkinder "ergänzend" empfohlen worden. Dieser 7-fach-Impfstoff deckt nach BAG etwa zwei Drittel der relevanten Serotypen beim Kind ab. Knapp die Hälfte der invasiven Kinder-Infekte betreffen das Alter 0-2 und unter den 0-2-jährigen Erkrankten weisen bis zu 50% ein erhebliches, begleitendes chronisches Leiden auf (wie Immunstörung, Lungenkrankheit, Diabetes etc.). Diese Risikokinder durch frühzeitige Impfung individuell zu schützen, ist einleuchtend - pro Jahr werden damit vermutlich 10 bis 15 invasive Erkrankungen vermieden, welche bei diesen Kindern ja besonders häufig bleibende Spuren hinterlassen würden. Inzwischen (2009) sind 3 Geburtsjahrgänge zu über 50% durchgeimpft, womit schon heute eine markante zusätzliche Reduktion der invasiven Infekte erwartet werden darf.
In Bezug auf unsere Frage nach dem längerfristigen Erregershift bzw Problemshift wird die Datenlage mit zunehmender Ausweitung der Impfindikation aber unübersichtlicher. Man wird aufgrund der Anzahl verimpfter Dosen vorausschauende Schätzungen anstellen müssen, welche mit zusätzlicher Unsicherheit behaftet sein werden. Die epidemiologische Wirksamkeit des für US-amerikanische Verhältnisse entwickelten 7-fach-Impfstoffes ist unter europäischen Bedingungen (anderes Serotypen-Muster, geringere Inzidenz invasiver Pneumokookkken-Infekte) nicht geprüft worden: die skeptische Beurteilung des Arzneitelegramms in Berlin über das deutsche Pneumokokken-Impfprogramm dürfte auch für die Schweiz anwendbar sein.
Der Übergang von der gezielten, risikogerechten Impfung zur generellen Durchimpfung ganzer Geburtsjahrgänge ist unter dem Gesichtspunkt der Nachhaltigkeit ein Schritt ins Ungewisse.
 
2.10.2003, aktualisiert 12. Juni 2010, Peter Klein

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